Staffellauf

MusikerInnen, KomponistInnen und PerformerInnen stellen sich auf Facebook gegenseitig Fragen zur Neuen Musik.

4. Frage von Marcus Weiss an das ensemble proton bern:

In den letzten Jahren ist ja eine Bewegung seitens der Komponisten nicht nur reine Instrumentalmusik zu schreiben, sondern hin zu Konzeptionellem und vor allem zum Einsatz von media, multimedia, visuals usw. Jetzt die Frage: Ihr seid als Ensemble ja sogar am Ausbauen mit neuen Instrumenten, traditionellen neuen Instrumenten.
Erstens: nehmt ihr das auch so wahr? und Zweitens: wie reagiert ihr darauf? Ist es einfach ein Mehreinsatz von Technik oder ist das vielleicht auch ein Umdenken im Profil des Ensembles in der Idee was ein Ensemble ist und leisten soll?

Matthias Kuhn: ja, der trend ist eindeutig – seit jahren! das neue reizt uns. wie kann man sicher gehen, dass man immer wieder neue musik macht? und zwar im eigentlichen wortsinne. eine variante ist es, neue werkzeuge in den händen zu halten – nenne sie multimedia oder lupophon. wir wollen alle schauen, was passiert, wenn man für diese werkzeuge musik schreiben lässt. wenn man musik mit anderen disziplinen mischt. am ende das resultat: sinnesreize (wellen, die man hört oder sieht), die vom sender zum empfänger gelangen und dort an- oder aufregen. musik als wissenschaftliches emotions-experiment. protonig untersucht.
es ist ein jahrhundertealtes phänomen: neugierige wandern an den rand der bekannten wahrnehmungsscheibe und hören über den horizont hinaus. wir singen ins nichts und kriegen als echo erkenntnis oder unfertiges, manchmal auch in farbe. oft sind es schöne irrwege. dort finden wir das, was wir nie gesucht haben. manchmal ein glücksmoment.
herzlich
matthias

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3. Frage von Helena Winkelman an Marcus Weiss:

Was ist es für dich, was eine neue Komposition so richtig toll macht, was möchtest du am liebsten haben, wenn du einem Komponisten einen Auftrag gibst und vor allem: was spielst du selbst am liebsten?

Marcus Weiss: Liebe Helena, danke für Deine Staffel-Frage! Die Frage sind ja viele Fragen. Was ich am liebsten habe und was eine Musik toll macht: das ist natürlich ein weites Feld, aber ich habe gerne Stücke die aus einer Klangvorstellung zu entspringen scheinen und nicht aus spekulativen Gedanken oder gar rein notationstechnischen. Die Musik soll expressiv sein, das kann aber auch eine totale Abwesenheit von espressivo sein, eine „organisierte“ Klangbewegung (wie bei Feldman, Grisey oder Clementi), eine in sich ausdifferenzierte Sprachlichkeit (wie bei Aperghis). Was den Auftrag betrifft: dass das vom Komponisten vorgestellte Saxophon nicht eine bloße Aneinander-reihung von aus Büchern übernommenen Effekten ist (also kein Katalog), sondern ein irgendwie in sich stimmiges Instrument, sei es traditionell vorgestellt oder neu erfunden. Was ich am liebsten spiele: Musik und Klänge die mit anderen Klängen zusammen Sinn machen. Eine Stimme sein in einer Bachfuge oder einen Satz von Giorgio Netti Stück zu spielen, der ein ganzes Instrument komponiert hat. Ganz praktisch gesehen im heutigen informierten Umfeld: spiele ich lieber Töne als Luft und Klappengeräusche! einen lieben Gruß, Marcus

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Frage 2 von Michel Roth an Helena Winkelman:

Wie ist es denn so für sich selber auch Musik zu schreiben bzw. wie fühlt es sich an, die eigene Musik zu spielen?

Helena Winkelman: Lieber Michel, der leichter zu beantwortende Teil Deiner Frage ist sicher der, wie es ist meine eigene Musik zu spielen. Ich bin sicher nicht wie Hindemith, dem die Melodien schon mit den passenden Fingersätzen in den Sinn gekommen sind. Manchmal fluche ich schon, dass das Zeug so schlecht liegt – doch es kümmert mich einfach wenig, wenn ich schreibe. Das ist ein Teil…der andere ist, dass ich immer denke, dass ich meine eigenen Stücke nicht üben muss, weil ich sie ja kenne. Leider falsch…(:-)

Ein Vorteil meines Doppellebens als Interpret und Komponist ist sicher, dass es mir ständig bewusst ist, dass man nur eine winzige Sache (Klang, Tempo oder Artikulation) ändern muss, um zu einer ganz anderen Aussage zu kommen. Mit den gleichen Noten wohlverstanden. Also habe ich das Argument, dass mit z.B. konventioneller Notation oder der Tonalität nichts mehr Neues zu sagen wäre nie ernst genommen. Und so konnte ich ohne Einschränkungen meiner Inspiration folgen.

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Frage 1 von Désirée Meiser an Michel Roth:

Wie unterscheidet sich das Konzept einer Komposition vom tatsächlichen Ergebnis?

Michel Roth: Liebe Desirée. Danke für Deine interessante Frage! Am Anfang steht eine Idee – das heisst: eigentlich sind es viele Ideen, die sich zu einem neuen Stück allmählich zusammenschliessen. Das „Konzept“ kann man sich dann vorstellen wie eine Art Reiseplan, in dem man festlegt, wie sich Ideen verbinden, ja überhaupt realisieren lassen. Nun ist es aber so, dass niemand während einer Reise Postkarten verschickt mit dem Text: „Der Zug fuhr 9:45 Uhr ab Badischem Bahnhof“, sondern es ist das Ungeplante, das Abenteuer, das zählt, das man erzählt und so seine Freunde teilhaben lässt. Beim Komponieren ist das Konzept also eine Art Fahrplan für eine persönliche Entdeckungsreise, voll mit spontanen Entscheidungen und überraschenden Richtungswechseln und oft genau diese machen ein Musikstück am Schluss lebhaft und spannend. Im Fall eines Musiktheaterprojekts wie „Die Künstliche Mutter“ geht diese Reise während der Aufführungen weiter: Da arbeiten so viele Menschen und verschiedene Berufe zusammen, dass es auch für mich voller Überraschungen bleibt bis der Vorhang fällt. Auf bald in der Gare du Nord! Herzlich, Michel