Staffellauf

Fragen-Staffellauf im Gare du Nord: MusikerInnen, KomponistInnen und PerformerInnen stellen sich auf Facebook gegenseitig Fragen zur Neuen Musik.

Frage 1 von Désirée Meiser an Michel Roth:

Wie unterscheidet sich das Konzept einer Komposition vom tatsächlichen Ergebnis?

Michel Roth: Liebe Desirée. Danke für Deine interessante Frage! Am Anfang steht eine Idee – das heisst: eigentlich sind es viele Ideen, die sich zu einem neuen Stück allmählich zusammenschliessen. Das „Konzept“ kann man sich dann vorstellen wie eine Art Reiseplan, in dem man festlegt, wie sich Ideen verbinden, ja überhaupt realisieren lassen. Nun ist es aber so, dass niemand während einer Reise Postkarten verschickt mit dem Text: „Der Zug fuhr 9:45 Uhr ab Badischem Bahnhof“, sondern es ist das Ungeplante, das Abenteuer, das zählt, das man erzählt und so seine Freunde teilhaben lässt. Beim Komponieren ist das Konzept also eine Art Fahrplan für eine persönliche Entdeckungsreise, voll mit spontanen Entscheidungen und überraschenden Richtungswechseln und oft genau diese machen ein Musikstück am Schluss lebhaft und spannend. Im Fall eines Musiktheaterprojekts wie „Die Künstliche Mutter“ geht diese Reise während der Aufführungen weiter: Da arbeiten so viele Menschen und verschiedene Berufe zusammen, dass es auch für mich voller Überraschungen bleibt bis der Vorhang fällt. Auf bald in der Gare du Nord! Herzlich, Michel

Frage 2 von Michel Roth an Helena Winkelman:

Wie ist es denn so für sich selber auch Musik zu schreiben bzw. wie fühlt es sich an, die eigene Musik zu spielen?

Helena Winkelman: Lieber Michel, der leichter zu beantwortende Teil Deiner Frage ist sicher der, wie es ist meine eigene Musik zu spielen. Ich bin sicher nicht wie Hindemith, dem die Melodien schon mit den passenden Fingersätzen in den Sinn gekommen sind. Manchmal fluche ich schon, dass das Zeug so schlecht liegt – doch es kümmert mich einfach wenig, wenn ich schreibe. Das ist ein Teil…der andere ist, dass ich immer denke, dass ich meine eigenen Stücke nicht üben muss, weil ich sie ja kenne. Leider falsch…(:-)

Ein Vorteil meines Doppellebens als Interpret und Komponist ist sicher, dass es mir ständig bewusst ist, dass man nur eine winzige Sache (Klang, Tempo oder Artikulation) ändern muss, um zu einer ganz anderen Aussage zu kommen. Mit den gleichen Noten wohlverstanden. Also habe ich das Argument, dass mit z.B. konventioneller Notation oder der Tonalität nichts mehr Neues zu sagen wäre nie ernst genommen. Und so konnte ich ohne Einschränkungen meiner Inspiration folgen.

Frage 3 von Helena Winkelman an Marcus Weiss:

Was ist es für dich, was eine neue Komposition so richtig toll macht, was möchtest du am liebsten haben, wenn du einem Komponisten einen Auftrag gibst und vor allem: was spielst du selbst am liebsten?

Marcus Weiss: Liebe Helena, danke für Deine Staffel-Frage! Die Frage sind ja viele Fragen. Was ich am liebsten habe und was eine Musik toll macht: das ist natürlich ein weites Feld, aber ich habe gerne Stücke die aus einer Klangvorstellung zu entspringen scheinen und nicht aus spekulativen Gedanken oder gar rein notationstechnischen. Die Musik soll expressiv sein, das kann aber auch eine totale Abwesenheit von espressivo sein, eine „organisierte“ Klangbewegung (wie bei Feldman, Grisey oder Clementi), eine in sich ausdifferenzierte Sprachlichkeit (wie bei Aperghis). Was den Auftrag betrifft: dass das vom Komponisten vorgestellte Saxophon nicht eine bloße Aneinander-reihung von aus Büchern übernommenen Effekten ist (also kein Katalog), sondern ein irgendwie in sich stimmiges Instrument, sei es traditionell vorgestellt oder neu erfunden. Was ich am liebsten spiele: Musik und Klänge die mit anderen Klängen zusammen Sinn machen. Eine Stimme sein in einer Bachfuge oder einen Satz von Giorgio Netti Stück zu spielen, der ein ganzes Instrument komponiert hat. Ganz praktisch gesehen im heutigen informierten Umfeld: spiele ich lieber Töne als Luft und Klappengeräusche! einen lieben Gruß, Marcus

Frage 4 von Marcus Weiss an das ensemble proton bern:

In den letzten Jahren ist ja eine Bewegung seitens der Komponisten nicht nur reine Instrumentalmusik zu schreiben, sondern hin zu Konzeptionellem und vor allem zum Einsatz von media, multimedia, visuals usw. Jetzt die Frage: Ihr seid als Ensemble ja sogar am Ausbauen mit neuen Instrumenten, traditionellen neuen Instrumenten.
Erstens: nehmt ihr das auch so wahr? und Zweitens: wie reagiert ihr darauf? Ist es einfach ein Mehreinsatz von Technik oder ist das vielleicht auch ein Umdenken im Profil des Ensembles in der Idee was ein Ensemble ist und leisten soll?

Matthias Kuhn: ja, der trend ist eindeutig – seit jahren! das neue reizt uns. wie kann man sicher gehen, dass man immer wieder neue musik macht? und zwar im eigentlichen wortsinne. eine variante ist es, neue werkzeuge in den händen zu halten – nenne sie multimedia oder lupophon. wir wollen alle schauen, was passiert, wenn man für diese werkzeuge musik schreiben lässt. wenn man musik mit anderen disziplinen mischt. am ende das resultat: sinnesreize (wellen, die man hört oder sieht), die vom sender zum empfänger gelangen und dort an- oder aufregen. musik als wissenschaftliches emotions-experiment. protonig untersucht.
es ist ein jahrhundertealtes phänomen: neugierige wandern an den rand der bekannten wahrnehmungsscheibe und hören über den horizont hinaus. wir singen ins nichts und kriegen als echo erkenntnis oder unfertiges, manchmal auch in farbe. oft sind es schöne irrwege. dort finden wir das, was wir nie gesucht haben. manchmal ein glücksmoment.
herzlich
matthias

Frage 5 vom ensemble proton bern (Matthias Kuhn) an das Mondrian Ensemble (Tamriko Kordzaia):

Wann ist Neue Musik für dich neu?

Tamriko Kordzaia: Den Begriff »neue Musik« mag ich nicht besonders – er schränkt ein und weist auf eine bestimmte Praxis hin… gleichzeitig ist mir bewusst, dass es irgendeinen Namen braucht. Wie auch immer: für mich ist Musik dann neu, wenn sie von der eigenen Entstehungszeit (oder überhaupt von historischer Zeit) unabhängig ist; wenn sie anders klingt, als meine Ohren es erwarten und die Wirkung auf mich hat: »das will ich unbedingt Spielen!« Aus dieser Perspektive kann sie jetzt oder irgendwann geschrieben sein, bzw. ist »neue Musik« dann neu für mich, wenn sie diesen Effekt für mich hat. Tamriko

Frage 6 vom Mondrian Ensemble (Tamriko Kordzaia) an Ursina Greuel:

In letzter Zeit wird so viel diskutiert über den Mangel an Publikum und Öffentlichkeitsinteresse an Neuer Musik, zeitgenössischer Musik allgemein. Wie ist das für dich aus Theaterperspektive, was könnte man da besser machen? Oder empfindest du das überhaupt so, dass dieses Interesse wenig oder weniger geworden ist?

Ursinn Greuel: Ich weiss nicht, ob das Interesse an zeitgenössischer Musik in der letzten Zeit zurückgegangen ist. Zeitgenössische Musik hat ja nie ein Massenpublikum angesprochen.
Ich kann mir vorstellen, dass es zur Zeit ähnlich ist, wie ich es vom Theater kenne: Das Angebot ist sehr vielfältig und gross. Das Publikum verteilt sich und sucht sich seine Nischen.
Ob ich weiss, was man tun kann, damit sich mehr Leute für zeitgenössische Musik interessieren? Aus Theaterperspektive?
Ich weiss es nicht.
Ich weiss nur, warum ich selber zeitgenössische Konzerte spannend finde: Weil sie oft theatral und szenisch sind. Sowohl akustisch als auch optisch.

Frage 7 von Ursina Greuel an Fritz Hauser:

Wann ist ein Geräusch Musik, wann ist Musik Geräusch, wann ist Geräusch Geräusch und wann ist Musik Musik?

Fritz Hauser: Liebe Ursina, Aaah, ganz grundsätzliche Fragen zum Jahresabschluss! Die Qualität von Sinneseindrücken – sowohl visuell und akustisch, als auch geschmacklich, riechend, tastend – ist immer subjektiv, von Erfahrungen geprägt. Das Verständnis von Musik hat sich in den letzten 100 Jahren über die traditionelle Klang-, Rhythmus- und Tonproduktion hinaus auch für Geräusche, Dissonanzen und andere akustische Phänomene geöffnet. Noch nicht bei allen BewohnerInnen dieses Planeten ist diese Erkenntnis angekommen, aber es geht voran! Ich glaube fest daran, dass wir alle fähig sind, jedes Geräusch im richtigen Moment (und im passenden Zusammenhang) auch als Musik zu hören. Dass Musik zum Geräusch wird, ist leider nur allzu oft der Fall. Vor allem wird sie zum Hintergrundgeräusch bei allerlei Aktivitäten wie Restaurantbesuch, Einkaufen etc. Ein Affront all denen gegenüber, die verstanden haben, dass es ein Element gibt, das uns allen die Augen, Ohren und die Seele öffnet: Stille! Was nun die Klassifizierung von Geräusch als Geräusch und von Musik als Musik angeht, wird es noch persönlicher. Ich würde mich keinesfalls auf eine Beurteilung kaprizieren, die Geschmäcker sind zu verschieden. Zum Schluss ein Beispiel zur Geräuschempfindung aus meiner persönlichen Erfahrung: Ich wurde als Kind am Sonntagmorgen oft von lauten Geräuschen aus dem naheliegenden Schiessstand geweckt. Die Reaktion war: Schiessen = Sonntag = schulfrei = Glück! Eine kühne Konstruktion, nur aus meinem beschützten Schweizer Bubendasein erklärbar. In diesem Sinne wünsche ich ein friedliches 2017! fritz.

Frage 8 von Fritz Hauser an Sylwia Zytynska:

Was ist eigentlich Timing und was hat es in der Neuen Musik verloren?

Neue Musik ist kein Stil, Neue Musik hat unzählige Stile und in diesen Stilen gibt es unzählige Möglichkeiten des Verständnisses für Timing. Vielleicht kann ich nur mit zwei Extremen antworten. Das eine ist für mich Timing in der ganz komplexen auskomponierten Musik, wo die Rhythmik sehr ausgeschrieben ist und extrem genau gespielt werden muss und da versteht sich Timing als Präzision dieser Musik. Auf der anderen Seite gibt es schwingende Musik, die einen Puls hat und dieser Puls ist sehr körperlich. Da versteht sich Timing durch dieses Schwingen und diese Körperlichkeit und ich denke, die Mischung von den beiden Extremen gibt es in unzähligen Variationen und von Mal zu Mal und von einem Stück zu einem anderen und einem Moment zu einem anderen versteht sich das eben immer anders.

Frage 9 von Sylwia Zytynska an Christian Zehnder:

Du bist ein wirklicher Grenzgänger zwischen den Musikstilen. Wo ist dein Zuhause? Erzähl ein bisschen davon!